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Walter Müller-Seidel: Rechtsdenken im literarischen Text. Deutsche Literatur von der Weimarer Klassik zur Weimarer Republik. Hg. von Gunter Reiss. De Gruyter, Berlin 2017. 224 Seiten, 99,95 Euro

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"Müller-Seidels Studie ist das unbestrittene Ereignis des Schiller-Jahres 2009." (Die Zeit)
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Karl Richter: Walter Müller-Seidels erste Jahre an der Universität München (1960 – 1966)

Als wir vor drei Jahren den 90. Geburtstag von Walter Müller-Seidel begingen, hielt er selbst einen Vortrag Gegengewichte. Erinnerte Zeitgeschichte 1928-1958, der autobiographisches Erinnern zum Medium der Wissenschafts- und Zeitgeschichte machte. Aus dem autobiographischen Erinnern ist heute das Gedenken seiner Schüler geworden. Aber ich hoffe, dass auch uns in manchem der Brückenschlag vom Persönlichen zur Wissenschafts- und Zeitgeschichte gelingt, der Walter Müller-Seidel so wichtig war. Der Zeitraum, über den ich berichte, umfasst die Jahre 1960 bis 1966: von der Berufung an die Universität München bis zum Germanistentag 1966; sein Schiller- und Kleist-Engagement spare ich dabei mit Blick auf die benachbarten Referate dazu aus.

Im Vorfeld dieses Symposions habe ich etwas ebenso Einfaches wie Naheliegendes getan. Ich habe meine Aufzeichnungen aus Vorlesungen und Seminaren in die Hand genommen, mitunter zum ersten Mal seit ihrer Entstehung. Ich habe dabei eine merkwürdige Erfahrung gemacht: An vielen Stellen wurde mir das damals Vermittelte und Aufgenommene schnell wieder lebendig, als läge wenig Zeit dazwischen. Ich habe mich gefragt, was genau es war, das mich und andere an diesem Lehrer so nachhaltig beeindruckt hatte. Die Skripten gaben eine erste Antwort: Sie verrieten noch immer die Klarheit der Gliederung und sprachlichen Vermittlung, die charakteristische Fokussierung jeder Vorlesungsstunde oder Seminarsitzung auf ein prägnantes Thema, die klare Positionierung im Prozess der Wissenschaft. In den umfangreichen Beurteilungen unter den Seminararbeiten durfte man sich ernst genommen fühlen; und die Aufzeichnungen aus Oberseminaren und den Wochenendseminaren mit Doktoranden riefen die intensive Gesprächsatmosphäre dieser Veranstaltungen in Erinnerung. Ungewöhnlich war die Qualität der Lehre aber vor allem auch deshalb, weil sie aus einer ungewöhnlichen Qualität des Forschens erwuchs. Und dazu möchte ich im Folgenden etwas mehr sagen. Stellvertretend für vieles wähle ich dabei drei Schriften dieser Jahre aus - dabei weniger auf die genauen Forschungsergebnisse als auf die Weise des Forschens bedacht.

1. Aufwertungen der Alterskunst im Aufsatz Goethe und das Problem seiner
    Alterslyrik

Der genannte Aufsatz ist 1961 in der Festschrift für Hermann Kunisch erschienen[1] und gehört auch 50 Jahre danach noch zum Besten und Wichtigsten, was über Goethes Alterslyrik geschrieben wurde. Mit wenigen Sätzen stellt er einen Bezug zur Zeitlage her: „Von der Jugend des ersten Weltkriegs wird gesagt, dass sie den ‚Faust’ im Tornister getragen habe. Die Jugend, die nach dem zweiten Weltkrieg in die Hörsäle drängte – ohne Tornister, wie sich versteht – war vorzüglich vom alten Goethe fasziniert: vom Dichter der ‚Wahlverwandtschaften’, des ‚West-östlichen Divan’ und der ‚Wanderjahre’. Und sie war in besonderem Maße aufgeschlossen für die Alterslyrik bis zu den Dornburger Gedichten hin“ (S. 259). Der Aufsatz deutet an, dass der allgemeine Wandel der Zeit beigetragen hatte, einer Literatur neues Verständnis entgegenzubringen, für die skeptische Beweglichkeit und Abstand haltende Betrachtung konstitutiv waren. Aber er zeigt auch, dass der Zugang zu einer gerechten Bewertung der Alterskunst durch literaturwissenschaftliche Barrieren verstellt war. Deren Grundlage war die scheinbar so selbstverständliche Zuordnung des Stils früher Jahre zur Jugend, des Altersstils zum Alter – mit der Assoziation von Leben und Frische nach der einen, der Annahme auch von literarischen Spuren des Alterns und des biologischen Verfalls nach der anderen Seite. Der Aufsatz zeigt, wie problematisch eine solche Synchronisierung von biologischem und literarischem Wandel in Wahrheit sein kann. Am Beispiel Goethes beschreibt er die erstaunlichen literarischen Verjüngungen, die sich in Goethes Alterslyrik vollziehen. Er fordert dazu auf, noch über die Lyrik hinaus Goethes Altersdichtung als die literaturgeschichtlich jüngste und modernste zu entdecken. Zugleich mit dem neuen Zugang zu Goethes Alterslyrik wurde also auch einer Neuinterpretation und

–bewertung des Goetheschen Alterswerks insgesamt der Weg gewiesen. Und nicht nur Goethes. Der Aufsatz reflektiert bereits auf verwandte Aufgaben bezüglich des Alterswerks etwa von Raabe und Fontane, aber auch z. B. in der Kunstgeschichte. Und mit der Sichtbarmachung der Modernität des alten Goethe deutet er zugleich an, dass auch die Geschichte der Moderne so gesehen bis in die Goethezeit zurückzuverfolgen wäre. Ein Aufsatz also von knapp 20 Seiten und mit einer entsprechend überschaubaren Fragestellungen – doch in seinen Erweiterungen und Folgerungen ergiebiger und bedeutsamer als manches umfassende Buch!

2. Wertungen und Umwertungen in der Literaturwissenschaft

Der zitierte Goethe-Aufsatz ist nur einer von mehreren, in denen sich literarische Wertungen als wichtiger Teil des Faches erwiesen. Walter Müller-Seidel hat ihnen ein Buch gewidmet, das 1965 erschien und das er seiner Frau zueignete: Probleme der literarischen Wertung.[2]  Unter den fünf Kriterien des „Öffentlichen“, des „Höheren“, des „Ganzen“, des „Wahren“ und des „Menschlichen“ fragt er darin, was gute von schlechter Literatur unterscheidet. Im Untertitel Über die Wissenschaftlichkeit eines unwissenschaftlichen Themas bringt er zum Ausdruck, dass die Frage noch wenig Tradition hat, dass sie aus seiner Sicht jedoch zu den zentralen Aufgabengebieten des Literaturwissenschaftlers gehört: „Edition, Interpretation und Wertung zusammen stellen die Einheit der Wissenschaft dar, deren Gegenstand die Literatur ist“, stellt er lapidar fest (S. 26). So charakteristisch wie der damit vertretene Anspruch einer Sichtbarmachung von Neuland und einer veränderten Definition des Fachgebiets ist aber auch, dass er nicht dogmatisch vertreten wird. „Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch“, lautete mit einem Wort Martin Bubers das symptomatische Motto, das Walter Müller-Seidel seiner Theorie literarischer Wertung voranstellte.

3. Auseinandersetzungen mit der nationalen Grundlage des Faches

Die Germanistik, der wir als Studierende in diesen Jahren an den Universitäten begegneten, war überwiegend vom Rückzug auf einen gewissen Pragmatismus bestimmt. Auch nach allen nationalistischen Exzessen wurde die deutsche Literatur, wie sie sich aus Schriftstellern und ihren Werken addierte, als selbstverständlicher Teil deutscher Kultur behandelt. Literaturwissenschaft erschien ganz analog auch als selbstverständliche Aufgabe, dieses Gut zu pflegen und zu erschließen. An Walter Müller-Seidel beeindruckte auch – und nicht zuletzt-, dass er sich einem solchen Pragmatismus des Fachverständnisses in mehrfacher Hinsicht widersetzte. Er tat dies mit der Nachdrücklichkeit seiner Wertungen. Nicht minder charakteristisch war aber auch die Theoriebewusstheit seiner methodologischen Standortbestimmungen. Von der ideologieanfälligen geistesgeschichtlichen Tradition der Literaturwissenschaft distanzierte er sich dabei ebenso wie von der jüngeren Mode der sog. ‚immanenten’ Interpretation, wo immer er die Geschichtlichkeit der Literatur darin vernachlässigt sah. Vergleichsweise früh gehörte er zu einer Generation von Wissenschaftlern, die ein neues Gespür für die Geschichtlichkeit der Literatur wie den Dialog von Vergangenheit und Gegenwart mitbrachten und forderten. Zum einen resultierte daraus eine neue Betonung der sozialen Voraussetzungen literarischer Werke; zum anderen die Auseinandersetzung mit der ‚nationalen’ Vergangenheit von Literatur und Literaturwissenschaft.

 

Zu einem wichtigen Kapitel dieser Auseinandersetzung wurde der Germanistentag, der vom 17. bis 22. Oktober 1966 in München stattfand. Nationalismus in Germanistik und Dichtung lautete sein Thema. Eberhard Lämmert und Karl Otto Conrady sagten in  programmatischen Vorträgen, worum es dabei gehen sollte: Germanistik – eine deutsche Wissenschaft, lautete der eine Vortragstitel, Deutsche Literaturwissenschaft und Drittes Reich der andere. Walter Müller-Seidel gehörte zur Mehrzahl der Vortragenden, die von geschichtlichen Beispielen aus argumentierten. Er referierte über Fontane und Bismarck[3], beleuchtete mit der Ambivalenz der Urteile des Dichters auch entsprechende Ambivalenzen in der geschichtlichen Leistung des Staatsmanns. Aber er hat dabei über das engere geschichtliche Anliegen hinaus auch die Wege der Geschichte im 20. Jahrhundert im Blick. „Die Übersteigerung des Nationalen zum blinden Nationalismus nimmt in der Zeit Bismarcks beängstigende Formen an“, die sich wissenschaftlich z. B. in die Ideologisierung der Faustgestalt hinein verfolgen lasse, stellt er fest (S. 172). In einem Brief Fontanes wird er auf eine Auseinandersetzung des polnischen Schriftstellers Sienkiewicz aufmerksam, die Fontane – wie dieser bekennt – in „helle Bewunderung“ versetzt hatte. Müller-Seidel recherchiert die bislang nicht weiter beachtete Äußerung des Polen und schaltet sie über mehr als zwei Seiten hinweg in seinen Beitrag ein. Um einen Absatz daraus zu zitieren: „Es ist ganz gleichgiltig, ob Fürst Bismarck wirklich gesagt hat: ‚Macht geht vor Recht’ oder nicht. Die Vox populi, die ihm diese Losung zuschreibt, sieht in ihm die Verkörperung dieses Gedankens, und sie sieht richtig. Denn er war unzweifelhaft die Seele und der Ausdruck seiner gesamten Politik. Und dieses Princip führte Bismarck nicht nur selbst, sondern dank den unerhörten Erfolgen gab er ihm auch den Schein einer positiven Wahrheit. Er verallgemeinerte es, drängte es der Menschheit auf und erniedrigte das moralische Niveau des europäischen Lebens so tief, wie es keiner vor ihm seit Jahrhunderten gethan hatte.“ (S. 191) Realpolitik – auf Kosten moralischer und ideeller Legitimation: Damit schien eine Tradition des politischen Handelns begründet und aus nationaler Optik gerechtfertigt, die auch zu den geschichtlichen Voraussetzungen nationalistischer Exzesse des 20. Jahrhunderts gehörte.

Das Verhältnis zu Walter Müller-Seidel als Student, als Mitarbeiter und schließlich als Kollege ist zu einem wichtigen Teil meiner eigenen Lebensgeschichte geworden. Wir standen auf verschiedenen Wegen im Kontakt zueinander. Immer wieder haben wir uns getroffen – zumeist in München, gelegentlich auch am Tegernsee. Korrespondenz und Telefonate reichen bis nahe an das Todesdatum heran. Sie betrafen seit seinem 90. Geburtstag in besonderer Weise Regelungen des Verbleibs seiner Bibliothek. In den Gesprächen ging es ansonsten überwiegend um Neuerscheinungen, um wissenschaftliche Projekte, aber auch um aktuelle Fragen der Politik. Alte Vertrautheit, interdisziplinäres Interesse, aber auch Gemeinsamkeiten politischer Ernüchterung haben beigetragen, dass er dem Beirat einer internationalen und interdisziplinären Umweltinitiative angehörte, die ich gegründet hatte. Mehr als früher kam in den späteren Jahren unseres Verhältnisses aber auch Privates zur Sprache: Erinnerungen, familiäre Sorgen, kollegiale Konflikte. Aus dem wissenschaftlichen war längst ein freundschaftliches Verhältnis geworden. Ich freue mich, dass wir es heute auf eigene Weise fortsetzen – im Gedenken, aber auch im gewachsenen Kontakt seiner Schüler untereinander.



[1] Walter Müller-Seidel: Goethe und das Problem seiner Alterslyrik. In: Unterscheidung und Bewahrung. Festschrift für Hermann Kunisch, Berlin 1961, S. 259-276.

[2] Walter Müller-Seidel: Probleme der literarischen Wertung. Über die Wissenschaftlichkeit eines unwissenschaftlichen Themas, Stuttgart 1965.

[3] Walter Müller-Seidel: Fontane und Bismarck. In: Nationalismus in Germanistik und Dichtung. Dokumentation des Germanistentages in München vom 17. bis 22. Oktober 1966. Hrsg. von Benno von Wiese und Rudolf Henß, Berlin 1967, S. 170-201.