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Walter Müller-Seidel: Rechtsdenken im literarischen Text. Deutsche Literatur von der Weimarer Klassik zur Weimarer Republik. Hg. von Gunter Reiss. De Gruyter, Berlin 2017. 224 Seiten, 99,95 Euro

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"Müller-Seidels Studie ist das unbestrittene Ereignis des Schiller-Jahres 2009." (Die Zeit)
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Wilfried Barner: Walter Müller-Seidel zum Gedenken

Zuerst erschienen in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 55 (2011), S. 11-15 (hier veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Verfassers und des Wallstein Verlages).

Er hat dem Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft als Mitherausgeber sein tief verwurzeltes Interesse am »Humanen« der Literatur, sein anspruchsvolles kritisches Vermögen und seine immense Arbeitskraft so langjährig gewidmet wie kein anderer: über volle vier Jahrzehnte hin. Walter Müller-Seidel ist am 27. November 2010 in München gestorben, wo er seit 1960 einen Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur innehatte – mit weitreichender Resonanz als Universitätslehrer, als hoch anerkannter Forscher und Verfasser grundlegender Monographien, und nicht zuletzt als Vortragender, der sein Publikum für die von ihm geschätzten Autoren, ihre Werke, und für seine eigenen Interpretationen auf hohem Niveau zu gewinnen wusste. Von diesem dialogischen Talent hat das Jahrbuch mit seiner beständigen internen Herausgeber-Diskussion über eingesandte Manuskripte wie über prinzipielle Probleme des Fachs und seiner Geschichte spürbar profitiert. Müller-Seidels wertendes Reden über dichterische Texte wie über literaturwissenschaftliche Arbeiten entsprang erkennbar auch dem unmittelbaren Zusammenhang eines lebendigen, niveauvollen Austauschs mit seinen Studierenden und Mitarbeitern.

Es verwunderte nicht, dass er wie selbstverständlich weit über seine Emeritierung hinaus (1985; er war am l. Juli 1918 im sächsischen Schöna geboren) seine reiche Erfahrung, sein fast enzyklopädisches Wissen und seine produktiven Ideen dem Jahrbuch zur Verfügung stellte, ja von dieser Tätigkeit nicht lassen wollte. Als er sich mit achtzig Jahren aus dieser Arbeit zurückzog (1998), konnte ihm Eberhard Lämmert als Präsident der Deutschen Schillergesellschaft bewegenden »Dank« sagen: für über vierzig Jahre hingebungsvolles Wirken – »ein Stück seines Lebenswerkes«. »In einer Zeit der raschen Ausweitung von Arbeitsfeldern und Methoden hat Müller-Seidel zusammen mit den beiden Generationen von Mitherausgebern dem Jahrbuch die Kontinuität des wissenschaftlichen Anspruchs gesichert und zugleich Neuerungen gestiftet und mitgetragen, wenn sie ihm zusätzlichen wissenschaftlichen Ertrag versprachen« (Jahrbuch 1998, S. 1). Angesichts der Zunahme der zu prüfenden Einsendungen, jedoch auch der wachsenden interdisziplinären Vielfalt hat Müller-Seidel es ausdrücklich begrüßt, dass bei seinem Ausscheiden 1998 das Herausgebergremium mit Christine Lubkoll und Ernst Osterkamp vergrößert wurde und hiermit zugleich neue auch fachliche Schwerpunkte (Musikwissenschaft, Kunstwissenschaft) vertreten waren. An die Stelle von Ulrich Ott trat, als Direktor, im Jahre 2004 Ulrich Raulff (Historiker).

Walter Müller-Seidels Aufnahme in den Kreis der Herausgeber des Jahrbuchs war früh und gewissermaßen in gleitendem Übergang geschehen. Als der erste Band schon vorlag (1957), sprang er bereits im nachfolgenden Jahr für den erkrankten Herbert Stubenrauch ein (ohne dass sein Name auf dem Jahrgangstitelblatt erschienen wäre; das geschah erst 1960). Zusammen mit Fritz Martini und Bernhard Zeller hat er ›sein‹ Jahrbuch – das war es immer auch – geformt, ihm Profil verliehen, bis ihm 1988 zwei Kollegen der ›nächsten‹ Generation zur Seite traten. Zu seinem 60. Geburtstag am 1. Juli 1978, also nach zwei Dezennien Jahrbuch-Arbeit, attestierten ihm Martini und Zeller »einen dominierenden Anteil an der Entwicklung des Jahrbuchs« (Jahrbuch 1978, S. XI). »Es ist zu einem gewichtigen Teil seiner wissenschaftlichen Arbeit geworden, zum Inhalt vieler, oft nächtlicher Nebenstunden, die er seinen ausgedehnten Verpflichtungen als Forscher, als Lehrer – engagiert auch in vielen wissenschaftlichen und hochschulpolitischen Gremien – oft nur mühsam abringen kann«. Das änderte sich, wie man im Rückblick feststellen kann, nach seiner Emeritierung nur graduell. Und was seinen Arbeitsstil für das Jahrbuch, seine ›Handschrift‹ in den internen Gutachten anbetraf, so galt für ihn weiterhin: »festhaltend an bewährten und immer wieder überprüften Traditionen der Philologie, offen für ihre Innovationen in Forschungsfragen und -methoden durch die jungen und jüngsten Erweiterungen und Wandlungen der literaturwissenschaftlichen Problemstellungen« (ebda.).

In den Jahren nach dem Eintreten zweier Jüngerer (Wilfried Bamer und Ulrich Ott) an die Stelle von Fritz Martini und Bernhard Zeller (1988) hat sich die Expansion der literatur- und kulturwissenschaftlichen Arbeitsfelder noch gesteigert. Und die Beschleunigung im internationalen Methodenwandel (der »turns«, mit bisweilen nur kurzen Halbwertszeiten) hatte noch merklich zugenommen – von Müller-Seidel mit scharfsinnig aufmerksamer Skepsis verfolgt. Sie wurde zuweilen, in der für seine Interessen charakteristischen Sichtweise, mit Kommentaren aus seinem enormen Kenntnisschatz der Wissenschaftsgeschichte versehen: durchaus »Fortschritte« anerkennend – nicht nur in den Naturwissenschaften –, aber dezidiert auch »Fehlentwicklungen« herausstellend (wie seine bevorzugte Kennzeichnung lautete). Als beim Herausgeberwechsel des Jahres 1988 vorgeschlagen wurde, künftig im Jahrbuch regelmäßig »Diskussionen« über »Schwerpunktthemen aktueller Literaturwissenschaft und Literaturbeschäftigung« zu führen (also beides Marbach spezifisch betreffend), erklärte sich Müller-Seidel spontan zur Mitwirkung bereit. Sein Themenvorschlag entsprang nicht zufällig auch der Praxis der gemeinsamen Herausgeberarbeit: »Wissenschaftssprache, Verwissenschaftlichung der Sprache, Sprachkultur«. Bei der Besprechung eingesandter Manuskripte – nicht nur jüngerer Verfasser – pflegte er insistent nach dem Erkenntniszuwachs jeweils neuer Textanalyseverfahren zu fragen, vor allem aber nach der ›Angemessenheit‹ der wissenschaftlichen Sprachform und des terminologischen Aufwandes. Wenn er seine »Vorüberlegungen zu einer Diskussion« (Jahrbuch 1988, S. 3-6) zugleich in einen wissenschaftshistorischen Horizont stellte, so entsprach dies einem seit den 1960er Jahren bei ihm schon erkennbaren, verstärkten Interesse an der Fachgeschichte. Einen ersten Höhepunkt fand es, auch nach außen hin sichtbar, 1972 in dem Aufruf (zusammen mit Eberhard Lämmert) zur Gründung einer Marbacher »Arbeitsstelle für die Erforschung der Geschichte der Germanistik«. Was das Jahrbuch anging, so hat er sich danach Jahr für Jahr mit besonderem Nachdruck dafür eingesetzt (auch durch konkrete ›Einwerbung‹), dass qualitätvolle Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte gebracht werden konnten. Für 1972 war Walter Müller-Seidel, der die Fach-Gegenwart nicht lediglich kritisch musterte, zum Vorsitzenden des Deutschen Germanistenverbandes gewählt worden, in bekannt turbulenter Zeit, als Vierundfünfzigjähriger. Wer ihn beim Stuttgarter Germanistentag dieses Jahres beobachten durfte, erlebte einen ebenso sorgfältig zuhörenden wie ›bestimmt‹ sich äußernden Tagungsleiter, der »Humanes« ausstrahlte und über natürliche Autorität mit Fähigkeit auch zur Selbstironie verfügte. Für die Diskussion über »Wissenschaftssprache« anderthalb Jahrzehnte später im Jahrbuch 1988 (mit Fortsetzungen 1989 und 1990) zog er den ethischen Horizont bemerkenswert hoch: »Wenn man bedenkt, dass das Überleben der Menschheit davon abhängt, was die Wissenschaften tun oder nicht tun" (S. 3). Das stand zugleich im Zeichen des damals verstärkt ausgetragenen Wettstreits zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, nicht zuletzt der Interdisziplinarität, die sich in literaturwissenschaftlichen Arbeiten mitunter als angestrengte Naturwissenschafts-Nähe terminologisch zu artikulieren versuchte (Gegenstand auch mancher Jahrbuch-Beratungen). Müller-Seidel bediente sich bei solchen Fragen des Disziplinen-Zusanunenhangs wie denen der Abgrenzung mit Vorliebe der Formulierung »Humanwissenschaften«, unter die er mit Emphase die Medizin einbezog. Sein Ansehen als ausgewiesener Grenzgänger hin zum Fach Medizingeschichte (besonders Psychiatriegeschichte) und zur Geschichte der Jurisprudenz (vor allem des Strafrechts) hat dem Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschafi manche einschlägige Zusendung eingetragen.

Solche Öffnungen des Fachs Literaturwissenschaft, im Jahrbuch wie in der universitären Praxis, bedeuteten für Müller-Seidel unzweifelhaft Zugewinn, »Neues«. Doch eben diesem »Neuen«, vor allem den »Moden« allzu bereitwillig nachzulaufen, wurde besonders der Germanistik wieder und wieder vorgeworfen. Bei aller internen Kritik einschlägiger Auswüchse, an der sich Müller-Seidel durchaus unzimperlich beteiligte, hat er sein Fach im Hinblick auf dessen »humane« Gegenstände und auf die vorzeigbaren wissenschaftlichen Erkenntnisleistungen stets auch verteidigt: ein in der praktischen Jahrbuch-Arbeit über Jahrzehnte wiederholt sich zeigender Zwiespalt. So verstand es sich fast von selbst, dass Müller-Seidel sich als zweite von ihm zu exponierende »Diskussion« aussuchte: »Über das Neue in der Literaturwissenschaft« (Jahrbuch 1993, mit Fortsetzungen 1994 und 1995). Anknüpfend an die Debatte über den »Pluralismus« (1990ff.) konstatierte er energisch: »Hektik und Dynamik dieser Modemisierung können bisweilen ins Inhumane umschlagen« (S. 3). Einzelnen Stimmen, die intelligent und mit »Argumenten« (seine bevorzugte Vokabel) fiir ein funktionales Recht auch von »Moden« plädierten, trat er tolerant differenzierend gegenüber. Im Grundsätzlichen blieb seine Bewertung eindeutig: Mode »bringt keine neue Orientierung, keine neue Sehweise« (Jahrbuch 1995, S. 422). Bei eingereichten Manuskripten, die von recht Speziellem handelten, an die Grenzen des (zu) Detaillierten gerieten, schlug es in seinen Augen mitunter zum Positiven aus, wenn sie schließlich den Blick über den Gegenstand »hinaus«, zu »Neuem« lenkten. Walter Müller-Seidel war als Herausgeber in seinem Element, wenn er (über eine problematische, aber niveauvolle Vorlage) debattieren konnte. Dann wuchsen seine – strikt intern gehaltenen – Gutachten gelegentlich zum doppelten, ja dreifachen Umfang im Vergleich mit den anderen: mit Exkursen, aktuellen Forschungsauseinandersetzungen, ausgefeilten Fast-Rezensionen. Dass diese jahrzehntelange Anstrengung im Dienst von Autoren und Texten hohen Ranges geschah, ist in den Würdigungen zu seinem 90. Geburtstag und anlässlich seines Todes unübersehbar geworden. Schiller, Kleist, Hölderlin, Goethe, Fontane und – für den Marbacher Kontext von besonderem Belang – die Brücke zur Klassischen Moderne, mit HofmannsthaI, Schnitzler, Benn, Kafka und anderen. Die Heidelberger Promotion über Friedrich Schiller (dessen Jugenddramen) im Jahre 1949 bei Paul Böckmann und das Gelingen des letzten Buchs, Friedrich Schiller und die Politik. ›Nicht das Große, nur das Menschliche geschehe‹ (2009), kennzeichnet eine eindrückliche Symbolik. Dem »Politik«-Buch hat man bewundernd eine fast alterslose »Frische« zugesprochen. Es war nicht nur der institutionelle Rahmen des Schiller-Jahrbuchs, der in Jahren einer vergleichsweise schmalen, wenig inspirierenden Schiller-Forschung Walter Müller-Seidel spürbar besorgt sein ließ. Gute, gar sehr gute Beiträge wollten sich nur selten einstellen, trotz aller gezielten Bemühungen (der alte Ernst Klett, als hochverdientes Mitglied des Vorstands der Schillergesellschaft, mahnte dies von Mal zu Mal an). Den noch vor dem ersten Schiller-Jubiläum (2005) sich abzeichnenden ›Wiederaufschwung‹ hat Müller-Seidel mit innerer Bewegung wahrgenommen. Das zweite Jubiläumsjahr (2009) hat er durch sein »Politik«-Buch selber bereichert. So wie er aus Anlass seines 90. Geburtstags in einem zeitgeschichtlich weit ausgreifenden, autobiographisch orientierten Vortrag seine eigenen frühen Literaturstudien schon im Titel als »Gegengewichte« gegen die »gewaltförmige« Politik der Nazis gedeutet hat, erschien ihm in der späten Monographie der (von Schiller) ›verschwiegene‹ Napoleon als Gegengröße des »Menschlichen«, das er in Schiller verkörpert sah. Es ist wohl legitim, auch seine vier Jahrzehnte Herausgeber-Arbeit fiir das Schiller-Jahrbuch von dieser Grundmotivation geprägt zu sehen.

Wilfried Barner