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Walter Müller-Seidel: Rechtsdenken im literarischen Text. Deutsche Literatur von der Weimarer Klassik zur Weimarer Republik. Hg. von Gunter Reiss. De Gruyter, Berlin 2017. 224 Seiten, 99,95 Euro

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"Müller-Seidels Studie ist das unbestrittene Ereignis des Schiller-Jahres 2009." (Die Zeit)
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Walter Müller-Seidel in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

Walter Müller-Seidel wurde im Jahr 1974 der Philosophisch-Historischen Klasse der Bayerischen Akademie der Wissenschaften zugewählt und gehörte dieser Gelehrtengemeinschaft bis zu seinem Tod damit über 36 Jahre lang nicht nur als ordentliches, sondern überaus aktives Mitglied an. An wie vielen Klassensitzungen er insgesamt teilgenommen hat, ließ sich aus den Unterlagen nicht mehr zweifelsfrei rekonstruieren, meine Vermutung, dass er nur die wenigsten und diese aus triftigsten Gründen versäumt hat, wurde mir freilich von Verwaltungsseite erwartungsgemäß bestätigt. Über die – wie andernorts auch – nicht immer spannungsfreie akademische Innenpolitik ist hier nicht zu berichten: sie war zwischen Akademiemitglied und wissenschaftlichem Mitarbeiter nur gelegentlich Thema und was dort zur Sprache kam, soll auch intra muros bleiben.

Wesentlich erwähnenswerter, weil wichtiger und bleibender jedoch sind die beiden Publikationen Walter Müller-Seidels, die aus solchen Sitzungsvorträgen hervorgegangen sind: zum einen die 1997 erschienene Schrift über „Arztbilder im Wandel. Zum literarischen Werk Arthur Schnitzlers“, der 2000 dann eine Abhandlung über Alfred Erich Hoche folgte, die den Untertitel „Lebensgeschichte im Spannungsfeld von Psychiatrie, Strafrecht und Literatur“ trug und einem, wenn Sie mir dies etwas abgegriffene Adjektiv gestatten, wahrhaft umstrittenen Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts im eigentlichen Sinne des Wortes ,gerecht zu werden‘ suchte. Beide Studien stecken damit geradezu programmatisch die Interessensschwerpunkte von Walter Müller-Seidels Forschungstätigkeit – ein Terminus, den man wohl besser im Plural gebrauchen sollte – während jener mehr als drei Jahrzehnte ab, in denen ich – anfänglich als sein Schüler, später als Hilfskraft, zuletzt als sein Mitarbeiter – Vielerlei von und bei ihm gelernt habe. Im Wintersemester 1978/79 besuchte ich sein Hauptseminar über „Brentanos Lyrik“, im Sommersemester darauf das zu „Goethes Spruchlyrik und Aphoristik“, aus dem meine Magisterarbeit und nachfolgend die Dissertation erwuchsen.

Mindestens ebenso nachhaltig wie fruchtbar war Professor Müller-Seidels Tätigkeit als Vorsitzender der Kommission für Neuere deutsche Literatur, die er 1986 ins Leben rief, um dort ein Langzeitprojekt anzusiedeln, das Anfang der 1970er Jahre durch Alfred Doppler (Innsbruck) und Wolfgang Frühwald (hier in München) als deutsch-österreichisches Gemeinschaftsunternehmen ins Leben gerufen, seither durch die DFG gefördert worden war und nunmehr – 1986 – in die Obhut der mit solchen Aufgaben bestens vertrauten Bayerischen Akademie der Wissenschaften überführt wurde. Gemeint ist die „Historisch-Kritische Ausgabe der Werke und Briefe Adalbert Stifters“, von der bis zum heutigen Tage dreißig Bände erschienen sind.

Die Installierung dieses Unternehmens an der Bayerischen Akademie und vor allem deren Verankerung im sogenannten ,Akademienprogramm‘ der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften sicherte der Edition – und dies beileibe kein nebensächlicher Aspekt – zunächst ihre Finanzierung bis ins Jahr 2004. Was sich wie eine Erfolgsgeschichte anhört und durchaus auch so anhören soll und darf, erwies sich dabei in den Anfängen als keineswegs einfach oder gar konfliktfrei. Nachdem Ende der 70er / Anfang der 80er Jahre die Textbände der „Studien“, der „Bunten Steine“ und des „Witiko“ erschienen waren, geriet die Ausgabe durch eine publikationslose Dekade in eine existenzbedrohende Krise, die zu bewältigen die Haupt-, wenn nicht gar Herkulesaufgabe während der ersten Jahre von Müller-Seidels Kommissionsvorsitz bildete. Dies gelang ihm zum einen – es sei nicht verschwiegen – in einer arbeitsgerichtlichen Auseinandersetzung mit dem ersten Redaktor der Edition: eine für beide Seiten, wie Sie sich denken können, keineswegs angenehme Prozedur; zum anderen und vor allem aber durch die Entscheidung, Walter Hettche ab 1992 als zusätzlichen, ab 1993 als alleinigen wissenschaftlichen Mitarbeiter in die Arbeitsstelle zu berufen und ihn dort mit der Edition der bei Stifter besonders komplizierten Apparat- und Kommentarbände – also dem Kerngeschäft historisch-kritischen Edierens – zu betrauen, welche zu den „Bunten Steinen“ in zwei Bänden dann auch bereits 1995 erschienen. Im August 1997 übernahm ich nach Walter Hettches Wechsel ans Institut für deutsche Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität von ihm die Redaktorenstelle der Kommission, deren gesamtes wissenschaftliches (wie zugleich auch nichtwissenschaftliches) Personal Sie hier im übrigen in toto vor sich stehen sehen.

In der Zeit unserer Redaktorentätigkeit sind seit 1995 in 15 Jahren insgesamt 19 Bände erschienen und wenn die Historisch-Kritische Stifter-Ausgabe damit zu einer der am kontinuierlichst erscheinenden neugermanistischen Editionen zählt, so ist dies auch Walter Müller-Seidels Verdienst, womit hier in erster Linie seine Qualitäten als Wissenschaftsorganisator in Rede stehen. Denn hinsichtlich des, wie man wohl sagt, ,operativen‘ editionsphilologischen Tagesgeschäfts auf seine Redaktoren vertrauend, lag ihm auf der institutionellen Ebene die dauerhafte Etablierung der Kommission, die er wohlweislich und vorausschauend nicht als „Kommission zur Herausgabe der Werke Stifters“, sondern als „Kommission für Neuere deutsche Literatur“ begründet hatte, in doppeltem Sinne am Herzen. So sicherte er durch eine Übernahmeerklärung der philosophisch-historischen Klasse Teilen der in Würzburg entstehenden Historisch-Kritischen Jean-Paul-Ausgabe ihre künftige Fortführung und Förderung unter dem Dach der Akademie, wohl wissend, dass diese Etablierung wohl erst jenseits der ihm zugemessenen Lebenszeit ihren Beginn finden würde; wichtiger noch – und dies sei durchaus eigennützig eingestanden – war jedoch sein Engagement, als es galt, den Fortbestand der Stifter-Edition über das Jahr 2004 hinaus zu sichern, hatte der Freistaat Bayern doch kurzfristig aus finanziellen Gründen, so eine lapidare Mitteilung im Laufe des Jahres 2002, seine schriftlich gegebene Zusage, ab 2004 für die Finanzierung der Edition zuständig zu sein, in der Tat mit einem Federstrich widerrufen. Ich erinnere mich noch gut an die tiefe Empörung des damals schon weit über 80Jährigen und seinen Satz, die Formel „auf Treu und Glauben“ müsse in derlei Abmachungen für beide Seiten gelten. Zwar akzeptierte er es, dass die Akademieverwaltung diese Angelegenheit auf stillerem, gewissermaßen kabinettspolitischen Wege zu lösen versuchte, den Gang zum Präsidenten des Bayerischen Landtags, um ihr wenigstens dort öffentliches Gehör zu verschaffen, ließ er sich dennoch nicht nehmen. Eine Zwischenfinanzierung durch die Thyssen-Stiftung sowie die nachfolgende, somit um zwei Jahre verzögerte Einlösung der ursprünglichen Zusage durch den Freistaat, mit anderen Worten: die Sicherung der Arbeitsstelle bis 2015, so der momentane Stand, war, wie seiner von ihm der Kommission zur Verwahrung übergebenen Korrespondenz zu entnehmen ist, die letzte Aufgabe, die sich Walter Müller-Seidel noch vorgenommen hatte, bevor er nach deren erfolgreicher Lösung dann 2004 den Kommissionsvorsitz niederlegte und Hendrik Birus als seinen Nachfolger vorschlug.

Dass er auch danach dem Fortgang der Edition mit ,Rat und Tat‘ und stets wachem Interesse buchstäblich bis zu seinem Tod als Ansprechpartner zur Seite stand, ist weit mehr als eine bloße Formel oder gar Floskel und mehr noch als an die alljährlich im Januar stattfindenden Kommissionsitzungen, von denen er keine versäumte, erinnere ich mich an die spätnachmittäglichen Zusammenkünfte im Café Arzmiller am Odeonsplatz, dem Stammsitz seiner späten Jahre, weshalb ich diese notgedrungen gedrängte tour d’horizon auch gerne persönlich beschließen würde. Mehr als einmal nämlich kam mir dabei meine allererste Sprechstunde im Frühjahr 1979 anläßlich der Rückgabe meiner Brentano-Hauptseminararbeit in den Sinn: sie dauerte gerade einmal 34 Sekunden und während der Student noch mitten im Fragen war, stand der Professor auf, schüttelte mir mit seinem auch Ihnen sicher geläufigen „Wiedersehen“ die Hand und beendete die Audienz. Nunmehr, drei Jahrzehnte später, war oft genug ich es, der auf die Einladung, noch etwas zu bestellen und eine weitere Weile über beileibe nicht nur germanistische Götter und Welten zu sprechen, sich mit einem entschuldigenden „Ich muß zurück an den Schreibtisch“ verabschiedete.

Mein letzter Kontakt, bevor ich am Mittwoch, dem 1. Dezember, dann von seinem Tod erfuhr, datiert vom 22. November 2010, und mag auf seine Weise bezeichnend sein: sein Artikel zur Würdigung des scheidenden Akademiepräsidenten Willoweit in unserer Hauszeitschrift war (endlich) geschrieben und abgegeben, als mich am jenem Montagvormittag im Büro ein Anruf aus der Pienzenauerstraße erreichte: ob es möglich sei, im Manuskript noch einen Satz zu ändern? Auf die Replik, meines Wissens sei das Heft schon im Druck, erfolgte der ebenfalls obligatorische knappe Dank und Abschiedsgruß. Wie ich erfuhr, hat Herr Müller-Seidel unmittelbar danach sogleich die Pressereferentin unseres Hauses angerufen, in der (freilich vergeblichen) Hoffnung, von ihr einen positiveren Bescheid zu erhalten…

Als Anfang der 80er Jahre Stephan Koranyi, ein Kommilitone des Oberseminars und bis heute guter Freund, nach erfolgreicher Promotion sogleich bei einem Münchner Verlag unterkam, soll, als dem Doktorvater diese Nachricht zukam, die Müller-Seidel’sche Bemerkung gefallen sein:„So, geht das jetzt schon ohne mich!?“ Seit dem 27. November 2010 muss es nun ohne ihn, muss es ohne diese Instanz, die er für uns in vielerlei Hinsicht bildete, weitergehen und so sehr uns die Unabänderlichkeit dieses Abschieds natürlich bewusst war, haben wir ihn alle ja möglicherweise, wie dies Christian Begemann in einer Mail an mich so treffend formulierte, „irgendwie für unsterblich“ gehalten.

In seinen Publikationen, die mir Walter Müller-Seidel in den letzten Jahren zukommen ließ, fand und findet sich wiederkehrend die Widmung „In Erinnerung an gemeinsame Arbeit.“ Nun bin ich nicht so vermessen, Brecht paraphrasierend behaupten zu wollen, ,Durch solche eine Inschrift wären / Wir beide geehrt‘. Was mich betrifft, kann, darf und will mich an beides – die Arbeit wie das Gemeinsame – freilich mit Stolz und Dankbarkeit erinnern.