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Walter Müller-Seidel: Rechtsdenken im literarischen Text. Deutsche Literatur von der Weimarer Klassik zur Weimarer Republik. Hg. von Gunter Reiss. De Gruyter, Berlin 2017. 224 Seiten, 99,95 Euro

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Ulrike Steierwald: Generation Postmoderne. Eine Erinnerung an den Hochschullehrer Walter Müller-Seidel

[Skript des Vortrags]

Mein Titel „Generation Postmoderne“ – ich habe mir überlegt, ob er Walter Müller-Seidel gefallen hätte. Ich denke: nein! – –  Er hätte, wie so oft, in einer nicht rhetorischen, aber doch im wahrsten Sinne anspruchsvollen Diktion gefragt: „Frau Steierwald, im Programm steht der Titel ‚Generation Postmoderne’. Was halten Sie davon?“ Und wie so oft hätte man gleich gewusst, dass es mit einer einfachen Antwort nicht getan wäre und die eigene Haltung in diesem Gespräch eine gut zu vertretende sein müsse. Aber man bekam immer eine zweite Chance – und in diesem Sinne möchte ich die folgenden fünfzehn Minuten nutzen.

In einer ganz ähnlichen Gesprächskonstellation saß ich im Herbst 1987 in seiner Sprechstunde. Nach zwei Jahren Magisterstudium unter 5000 Studierenden der Germanistik hatte ich bei ihm ein Hauptseminar zur Entstehung der literarischen Moderne besucht und wollte mich nun zum Oberseminar anmelden. In besagter Diktion fragte er mich: „Frau Steierwald, Sie wissen, dass das ein Doktoranden-Seminar ist?“ Und da ich das mit der zweiten Chance damals noch nicht wusste, zog ich von dannen.

Nach zwei Tagen hatte ich eine Einladung im Briefkasten, und zwar an die „Mitglieder und Gäste des Oberseminars“ zur Vorbesprechung über das, „was wir in diesem Wintersemester gemeinsam tun wollen“. Zugleich mit dieser Chance erhielt ich aber auch die Einladung zu einem Vortrag über das nicht kleine Thema „Die Anfänge der Postmoderne“, und zwar in einem in das Oberseminar integrierten Kolloquium zur Postmoderne auf dem Hofgut Algertshausen am Ammersee. Müller-Seidel gab hier ein Gesprächsthema vor, das vor 25 Jahren in Deutschland natürlich noch nicht wissenschaftlich kanonisiert war. Sehr schnell sollte ich also kennen lernen, was mit dem gemeinsamen Tun gemeint war.

Bei meiner „Erinnerungsarbeit“, die mit einer kleinen Wühlaktion in den im Keller abgestellten Studienordnern verbunden war, war ich dann selbst überrascht, wie viele quasi externe Kolloquien innerhalb weniger Jahre in diesem Kreis der 12 bis 16 Studierenden stattfanden – also abgesehen von den wöchentlichen Doktoranden-Kolloquien und den traditionsreichen Wanderungen am Tegernsee. Alle widmeten sich tagesaktuellen Diskussionen. Oder besser gesagt, sie kreisten um die aktuellen Denkbewegungen in ihren Auseinandersetzungen mit der Moderne.

Und – wir haben in diesem Oberseminar der späten 80er Jahre, d.h. in dieser Gesprächskultur selbst, eine spezifische Diskussions- und Lebensform der Moderne erlebt. Diese oft dialektisch argumentierenden Auseinandersetzungen mit den jeweiligen Zeitdiagnosen wurden aber bereits durch die Teilnehmer auf sehr unterschiedliche Art und Weise historisiert. D.h., wir waren zwar Kinder der 68er Generation, wir waren von poststrukturalistischen, dekonstruktivistischen und, wenn man so will, postmodernen Theorien und Methoden umgeben – aber wie gesagt, mit durchaus unterschiedlichen Konsequenzen. Denn vor allem waren wir kein „wir“ – das Phänomen der Generation ist ja unabdingbar mit dem Entwicklungs- und Phasenmodell des modernen Denkens verknüpft –, und wir waren und sind keine Generation mehr. Insofern ist mein Titel „Generation Postmoderne“ natürlich nicht ganz ernst gemeint.

Insofern spreche ich hier auch in keiner Weise repräsentativ für die Teilnehmer dieser letzten Seminar-Phase nach Müller-Seidels Emeritierung. Was sie meines Erachtens aber doch verband, war eine Faszination, die von diesem Hochschullehrer ausging. Die Faszination, noch ein Mal am Phänomen des dialogisch-reflexiven Gesprächs der Moderne teilzuhaben und in Walter Müller-Seidel einen elementar der Moderne in all ihren Widersprüchen und dialektischen Bewegungen verpflichteten Menschen zu erleben. Ich denke, dieses Phänomen wurde in zahlreichen Beiträgen des heutigen Tages konkret deutlich und wird auch Lothar Müller in seinem Nachruf in der Süddeutschen Zeitung (3.12.2010) veranlasst haben, ihn einen „Humanisten der Geschichtlichkeit“ zu nennen.

Konkret möchte ich nun an ein paar Daten und Themen der Kolloquien erinnern, die ich rekonstruieren konnte und die meines Erachtens die ungeheuer vitale Auseinandersetzung eines Humanisten der Geschichtlichkeit mit der sich Ende der 80er Jahre anbahnenden Epochenschwelle des Posthumanismus war.

Das besagte Kolloquium zur Postmoderne am Ammersee fand im Juni 1988 statt. Selbstverständlich war die Literatur der Moderne zu diesem Zeitpunkt längst in den wissenschaftlichen Kanon aufgenommen – Ausgangspunkt des Semester-Themas war die Bilanz, dass zu dieser Zeit allein zwei Drittel aller Dissertationen am Institut für Deutsche Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität über die Literatur der Moderne geschrieben wurden. Ein umso existenzielleres Anliegen war es für Walter Müller-Seidel, eine Differenzierung der heterogenen Modernen vorzunehmen. Zu den in den 80er Jahren zahlreich entstehenden Kompendien zur Postmoderne und auch zu den erst in diesen Jahren erscheinenden deutschsprachigen Übersetzungen der französischen Philosophen sollte Stellung genommen werden. Müller-Seidels klares Anliegen war, zwischen antihumanistischen Tendenzen der Posthistoire und den dekonstruktivistischen Relativierungen der großen Meta-Erzählungen der Aufklärung zu unterscheiden. Die Frage nach einer Einholung der postmodernen Tendenzen – also z.B. der Pluralisierung, der Relativierung, der „Archäologie“ – durch die Moderne blieb aber im Rahmen der Tagung immer offen – ganz im Sinne der heute schon oft erwähnten Toleranz.

Zur Erinnerung: 1987 – in der Planungsphase des Kolloquiums – publizierte Rainer Zitelmann seine Dissertation „Hitler. Selbstverständnis eines Revolutionärs“, die den Moderne-Begriff für den Nationalsozialismus zu reaktivieren suchte. (Ich habe übrigens mal geschaut, was Zitelmann heute macht: Er ist Unternehmensberater mit eigenem Verlag. Vielleicht sind wir wirklich in der Postmoderne angekommen...) Jedenfalls war die zu diesem Zeitpunkt neue neorechte publizistische Bewegung, die den Moderne-Begriff für sich adaptierte, brisantes Thema. Eine Irritation von anderer Dimension war, dass im zeitlichen Rahmen dieses Postmoderne-Semesters die antisemitischen, kollaborativen Artikel von Paul de Man aus den Jahren 1941/42 bekannt wurden und zu heftigsten Debatten über den Zusammenhang von methodisch-theoretischem Kulturverständnis und politischem Verhalten führten. Und wie viele Beiträge zum heutigen Müller-Seidel-Biographie-Projekt zeigten, war ihm die Frage nach der gesellschaftlichen Verortung von Literatur und Wissenschaft das zentrale Motiv seiner Lehre und Forschung.

In meinem kleinen Privatarchiv aus dem Vor-Internetzeitalter habe ich zum Thema Paul de Man einen Leserbrief von Jacques Derrida an die Frankfurter Allgemeine Zeitung gefunden, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte: „Erlauben Sie mir, daß ich meine Verachtung zum Ausdruck bringe über die beiden Artikel, die Sie in Ihrer Zeitung […] zu Paul de Man veröffentlicht haben […].Gleich, ob es um das Denken (die ‚Dekonstruktion’) oder die Personen geht, das Verfahren von Herrn Schirrmacher erinnert auf erschütternde und erschreckende, leider exemplarische, Weise just an das, womit er sich zu befassen vorgibt oder über das beunruhigt zu sein er behauptet.“ (FAZ Nr. 64, 16.3.1988, S. 11)

Man sieht an diesem kurzen Ausschnitt gut, wie brisant die Debatten über die moralisch-politische Verortung der jeweiligen kulturtheoretischen Positionen waren.

Während meine Erinnerung an dieses Kolloquium noch auf einem kleinen persönlichen Zeitungsarchiv fußen konnte, bin ich bei meinen Rekonstruktionen der so genannten Studenten-Proteste des Herbstes 1988 – eine weitere historische Phase aus dem Vor-Internet - nicht sehr weit gekommen. Es kann sich vermutlich kaum jemand daran erinnern, dass die Studierenden dieses Wintersemesters glaubten, ihre Umbenennung der LMU in „Geschwister-Scholl-Universität“ würde die Halbwertzeit eines einzigen Semesters überstehen. Viele Medien und selbst Wissenschaftsminister einzelner Bundesländer waren über den zaghaften Studentenprotest, der sich erstmalig nach langer Zeit gegen die Überfüllung und Einsparungen wandte, begeistert, denn ein paar Wochen konnte man an den Adrenalinschub einer studentischen Politisierung glauben. Dem war dann nicht wirklich so…

Dennoch erwähne ich diese Phase hier, denn Walter Müller-Seidel integrierte die Diskussionen in einer für ihn typischen Art und Weise in seine Lehre. Er initiierte im Juli 1989 in Tutzing eine Seminar-Tagung, die das zentrale Problem gesellschaftlicher Funktionalisierung und neuer Legitimationszwänge der Geisteswissenschaften zu einer persönlich relevanten Frage für die einzelnen Studierenden machte. Und so wurden die im Rückblick ungemein hilflosen und vergeblichen Studentenproteste hier zu einer konstruktiven Form der Auseinandersetzung. Immer wurden die aktuellen Diskussionen dabei in einen kulturhistorischen Kontext gesetzt – z.B. zu der Zwei-Kulturen-Theorie (C.P. Snow) oder anderen wissenschaftsgeschichtlich einschlägigen Texten.

Ein quasi epochaler Einschnitt in den Diskussionen des Oberseminars war 1989 die politische Entwicklung in der DDR. In jedem Semester zwischen Juli 1990 und Februar 1992 fanden zum Thema „Wiedervereinigung“ Hauseinladungen zur abendlichen Diskussion in die Pienzenauer Straße statt, bei denen auch Gäste wie Thomas Anz, Monika Frommel, Uvo Hölscher oder Willibald Sauerländer dabei waren. Kollegen waren immer wieder auch zu der Vorstellung einzelner Forschungsergebnisse der Dissertationsprojekte eingeladen.

Die Themen verlagerten sich von den kulturhistorischen Fragen nach dem Nationalen – bei denen der lebensweltliche Erfahrungshorizont von Hochschullehrer und Studierenden sich besonders klar unterschied – zum Thema „deutsch-deutscher Literaturstreit“, der mit der Debatte um Christa Wolfs „Was bleibt“ seinen Anfang nahm. Bekanntlich weitete sich die Diskussion über viele Monate zum fundamentalen Streit über das Verhältnis von Literatur und Politik und die Rolle der Intellektuellen aus. Die damaligen Ressentiments gegen so genannte Erkenntnis- und Bekenntnis-Literatur wurden in den Kolloquien in Bezug zu den traditionsreichen kulturtheoretischen Strömungen und Ideologien der letzten hundert Jahre gesetzt.

Dies waren nur wenige konkrete Beispiele für die Gespräche in der letzten Oberseminar-Phase in den frühen 90er Jahren. Ich war bei der kleinen Erinnerungs-Recherche verwundert über die Geschichtlichkeit dieses unendlichen akademischen Gesprächs jenseits von verwertbarer Messbarkeit – eines Gesprächs, das im heutigen Wissenschaftsbetrieb nur noch sehr schwer zu realisieren ist. Wenn ich mir heutige Tagungen anschaue, die meist ganz im Zeichen der Ökonomisierung der Wissenschaften und der publizistischen Mehrfachverwertung stehen, staune ich über diese ein Vierteljahrhundert zurückliegende Zeit, in der sich Wissenschaft sogar im Rahmen der Lehre als Institution erweisen konnte.

Mit „Institution“ meine ich natürlich weder einen Verwaltungsrahmen noch die heutigen, funktional bestimmten so genannten Netzwerke, sondern die im inhaltlich-wissenschaftlichen Interesse begründete, institutionalisierte Form des Seminars oder Kolloquiums oder Symposions oder Gesprächs oder wie auch immer…

Und in diesem Sinne wollte ich heute meine Erinnerungen an den Hochschullehrer Walter Müller-Seidel beitragen. Ich hoffe, sie waren nicht zu persönlich. Denn in diesem Oberseminar, in dem es durchaus auch Momente des angespannten Schweigens, des individuellen Dissenses und der auszuhaltenden Spannung zwischen wissenschaftlicher Askese und privaten, lebensweltlichen Konfrontationen gab, wurde gerade nichts persönlich genommen. Was nichts mit Unpersönlichkeit zu tun hat. Denn es gibt ja auch eine Distanz, die Nähe schaffen kann. Und diese Nähe erlaubt es mir, mich auch jenseits einer Generationenzugehörigkeit als Schülerin von Walter Müller-Seidel zu verstehen. Und diese Nähe wird – da bin ich sicher – viele Teilnehmer des Oberseminars, die ihr Leben auch nach dem Studium mit der Literatur verbringen können und dürfen, weiterhin begleiten.

Vielen Dank.