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Walter Müller-Seidel: Rechtsdenken im literarischen Text. Deutsche Literatur von der Weimarer Klassik zur Weimarer Republik. Hg. von Gunter Reiss. De Gruyter, Berlin 2017. 224 Seiten, 99,95 Euro

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"Müller-Seidels Studie ist das unbestrittene Ereignis des Schiller-Jahres 2009." (Die Zeit)
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Thomas Steinfeld: Bitte um Rufabwendung. Zum neunzigsten Geburtstag des Germanisten Walter Müller-Seidel

Über Walter Müller-Seidel, den Münchner Germanisten, gibt es einen Bericht aus der Lokalpresse vom Februar 1967: Mehr als zweitausend Münchner Studenten, heißt es darin, hätten eine Petition an das Kultusministerium unterschrieben, in der sie um eine „Rufabwendung” bäten. Zwei Rufe hatte Walter Müller-Seidel damals erhalten, einen nach Köln und einen nach Münster. Ihnen dürfe er nicht folgen.

„Auch wenn sein unermüdlicher Kampf für verbesserte Studienbedingungen und eine Reform der Prüfungsordnungen nicht immer bequem gewesen sein mag” – man müsse den Mann unbedingt halten. Denn das sei man dem Ruf der Ludwig-Maximilians-Universität schuldig.

Eine solche Universität, solche Studenten, ein solche Bereitschaft, die Universität als gemeinsames Anliegen von Lehrenden und Lernenden zu behandeln, gibt es zumindest in Deutschland schon lange nicht mehr. Es muss sie vielleicht auch nicht geben, sie passen womöglich nicht zu zeitgemäßen Anforderungen an Exzellenz und Professionalität. Und doch ist jene Notiz nur mit einem Bedauern zu lesen. Denn zu einer solchen Universität gehört auch ein solcher Professor: einer, der in der Lage ist, die Lebenswelt seiner Hörer und seiner Leser mit der Literatur zu verknüpfen, der sich dem Publikum zuwendet und nicht willens ist, Forschung und Lehre zu trennen. Und einer, der als Lehrer etwas taugt – was nun wiederum an den ersten beiden Eigenschaften liegt. Ein solcher Professor war Walter Müller-Seidel, der am 1. Juli 1918 im sächsischen Schöna geboren wurde, und er ist es in vielem heute noch, denn er veröffentlicht weiterhin, und das Herumsitzen in Gremien betreibt er auch noch immer.

Überhaupt ist die Verbindung von Literatur und Lebenswelt das wichtigste aller Themen Walter Müller-Seidels. Seine Arbeiten zu Heinrich von Kleist (1961) und zu schriftstellernden Ärzten, seine Bücher zu Theodor Fontane (1975) und zur „deutschen Klassik” (1983), seine Studien zu Franz Kafka (1986), sie alle sind aus einem Interesse an der Rekonstruktion historisch-literarischer Umstände heraus geschrieben, aus dem Bedürfnis, sich aus der Einsamkeit des Werks zurückzuversetzen in einen lebensgeschichtlichen Zusammenhang.

Auch mit seinem eigenen Fach geht Müller-Seidel so um, gleichsam panoramatisch, von seinem Beitrag zum einst berühmten Band „Germanistik – eine deutsche Wissenschaft” (1966), dem Beginn der Auseinandersetzung der deutschen Philologie mit ihrer Vergangenheit im Nationalsozialismus, bis zu seinem Kommentar zur Einarbeitung der Mitgliederkartei der NSDAP ins Internationale Germanistenlexikon (2004). Und es war dieser freie, sachliche, oft historisch argumentierende Pragmatismus, der aus Müller-Seidel einen der wichtigsten Wissenschaftsfunktionäre seiner Generation werden ließ, der ihn zum Vorsitzenden der Hochschulgermanisten werden ließ, ihn in den Vorstand der Goethe-Gesellschaft, des Goethe-Instituts und in die Bayerische Akademie der Wissenschaften führte.

Über Friedrich Schillers frühe Dramen hatte Walter Müller-Seidel im Jahr 1949 promoviert. In diesem Herbst wird sich ein biographischer Bogen schließen: Für Oktober ist das Erscheinen einer Biographie über „Friedrich Schiller und die Politik” angekündigt, in der es nicht zuletzt um das Verhältnis des Dichters zum „großen Menschen” gehen wird, in Gestalt Wallensteins oder Napoleons. „Nicht das Große, das Menschliche geschehe”, lässt Friedrich Schiller den jungen Piccolomini rufen. Was Walter Müller-Seidel genauso sehen dürfte: Denn er hat den Ruf zum Titel seines Buches gemacht.

(Süddeutsche Zeitung, 1. Juli 2008, S. 13; Veröffentlichung hier mit freundlicher Genehmigung des Verfassers)