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Walter Müller-Seidel: Rechtsdenken im literarischen Text. Deutsche Literatur von der Weimarer Klassik zur Weimarer Republik. Hg. von Gunter Reiss. De Gruyter, Berlin 2017. 224 Seiten, 99,95 Euro

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"Müller-Seidels Studie ist das unbestrittene Ereignis des Schiller-Jahres 2009." (Die Zeit)
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Ursula Segebrecht: Ehe-Anbahnungsgeschichten und Walter Müller-Seidel

Den Erinnerungen an Walter Müller-Seidel möchte ich ein paar ganz persönliche anfügen, die zwar eher anekdotischen Charakter haben, die aber Herrn Müller-Seidel unverwechselbar charakterisieren.

Es war vor fast 50 Jahren im Oberseminar Müller-Seidels, zu dem ich nach einer Hauptseminar-Arbeit zu Goethes West-östlichem Divan eingeladen worden war. Ich fühlte mich eher als Frischling in dem erlauchten Kreis, mit dessen straffen Gepflogenheiten ich nicht vertraut war. Zu Beginn des Semesters legte Herr Müller-Seidel die Termine für die Referate fest, mit denen die Doktoranden über die Fortschritte ihrer Arbeit berichten sollten.

Jedem Referenten wurde ein Koreferent zugeteilt. Herr Müller-Seidel bestimmte die neben mir sitzende Frau Meyer, die mit einer Tieck-Dissertation befasst war, zur Koreferentin des E.T.A. Hoffmann-Referats von Wulf Segebrecht.

Frau Meyer aber musste passen: Sie hatte am rechen Arm eine Verletzung und trug einen Verband, der ihr das Schreiben unmöglich machte. Herr Müller-Seidel zögerte nicht und bestimmte kurzerhand mich, die Nachbarin von Frau Meyer, zum Koreferat.

Ich hatte von Hoffmann bis dahin wenig Ahnung. In der Schule hatten wir ‚Meister Martin der Küfner und seine Gesellen’ gelesen, was mir damals recht biedersinnig vorgekommen war. Die wilden ‚Elixiere des Teufels’, die das Referat Wulf Segebrechts unter dem Gesichtspunkt des autobiographischen Verfahrens behandelte, kannte ich gar nicht.

Ich war also recht verlegen angesichts der unerwarteten Aufgabe, aber sie zurückzuweisen – das war unmöglich. So etwas tat man damals einfach nicht.

Ich nahm die Aufgabe also als Herausforderung, dies umso mehr, als Wulf Segebrecht, der mit seiner Dissertation schon weit vorangekommen war, mir seine Hilfe anbot. Das hat mich provoziert: ich wollte keine Hilfe, sondern nur Zeit, um mich einzuarbeiten und mich mit der Fragestellung auseinanderzusetzen.

Über Referat und Koreferat und über Hoffmann sind wir uns dann infolge der Müller-Seidelschen Zwangsverpflichtung nähergekommen. Vielen aus dem Oberseminarkreis dürfte das nicht entgangen sein. Ahnungslos blieb aber ganz offensichtlich Herr Müller-Seidel.

Wir hatten uns vorgenommen, an dem Tag, an dem Wulf Segebrecht seine Dissertation fertiggestellt hatte und sie Herrn Müller-Seidel überreichen wollte, ihm auch unsere bevorstehende Verlobung mitzuteilen. Wulf hatte die Abgabe angekündigt und wir fuhren gemeinsam in die Eisensteinstraße. Schon an der Gartentür nahm Herr Müller-Seidel Wulf die Arbeit aus den Händen, drehte sich um und ging – darin blätternd – schnurstracks ins Haus und ins große Arbeitszimmer an seinen Schreibtisch, um darin zu lesen.

Er war immer so unglaublich neugierig auf das, was seine Schüler geschrieben hatten.

Frau Müller-Seidel machte inzwischen mit uns am Kaffeetisch Konversation, und als Herr Müller-Seidel sich zu uns gesellte, konnten wir ihn endlich über unsere Verlobung informieren. Er war völlig überrascht, was sich in einem unnachahmlichen „Ach“ kundtat. Was ihn aber auch nicht daran hinderte, weiterhin die dringliche Frage zu stellen: „Was macht Ihre Arbeit?“

Mit dieser Frage verbanden sich Anteilnahme, Neugier, Anspruch, Vertrauen und der unbedingte Glaube an die Sache der Wissenschaft, wie er sie vorlebte.