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Walter Müller-Seidel: Rechtsdenken im literarischen Text. Deutsche Literatur von der Weimarer Klassik zur Weimarer Republik. Hg. von Gunter Reiss. De Gruyter, Berlin 2017. 224 Seiten, 99,95 Euro

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"Müller-Seidels Studie ist das unbestrittene Ereignis des Schiller-Jahres 2009." (Die Zeit)
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Ulrich Dittmann: ‚1968´, das Institut für Deutsche Philologie und Walter Müller-Seidel

Um dem mir gestellten Thema gerecht zu werden, sichtete ich mein noch immer ungeordnetes Uni- bzw. Instituts-Archiv in unserem Keller. Es birgt ganze Stapel von Papieren, zeittypischen Flugblättern und Resolutionen, die damals gratis dem Mensa-Essen beilagen oder über die waten musste, wer durchs Foyer in der Schellingstraße zu gehen hatte. Man würde sie heute wegen der Lettern-wüsten – einzeilig, engmaschig und syntaktisch wie terminologisch hoch komplex – keinem SMS-gewohnten Studenten mehr zumuten.

Über Einzelnes daraus wird noch zu reden sein.

Unserem Anlass spezifischer als all die Texte über Affären und Kalamitäten, die sich um das Datum 1968 ranken und die damals auszubaden waren, erschien mir eine Randnotiz in den geordneten Personalpapieren. Sie steht auf der Auszahlungsanordnung vom 24. Mai 1966, die mir parallel zur Niederschrift über die Vereidigung und zum Dienstvertrag zugestellt wurde: Ein ganzes Konvolut wies mich in die Geschäfte einer wissenschaftlichen Hilfskraft ein. Auf der Mitteilung, ich sei Seminar II für Deutsche Philologie als zukünftiger„Beschäftigungsdienststelle“ zugeteilt, zu „Dienstaltersstufe“ und weiteren bürokratischen Komposita steht am Rande die viel sagende Notiz: „Berufungszusage Prof. Dr. Hans Fromm“. Die Bestätigung über den abgelegten Diensteid unterschrieb dann aber Herr Professor Müller-Seidel. Ich saß auf einer Fromm-Stelle und gehörte zu den Müller-Seidel-Assistenten. Damit war und blieb ich dann keineswegs ein Einzelfall, im Gegenteil, es gab eine Reihe weiterer solcher stellenpolitischer Spagats. Professor Müller-Seidel nutzte die Stellenvermehrung, die nach der Pichtschen Ausrufung der Bildungskatastrophe erfolgte, für seine Leute ganz besonders weidlich aus. Er baute mit der Delegation auf Stipendien und allen möglichen Rochaden über kurzfristig freiwerdende Kollegenstellen dem Massenfach vor und schuf uns Arbeitsplätze, die dank seines Geschicks nicht ins Prekariat mündeten. Gleich drei Dauerstellen sicherte er uns, als der Mittelbau, damals noch „Konservatoren“ genannt, ausgebaut wurde. Die Schreibtische und Schränke in dem mit den Assistenten von Professor Sengle geteilten Zimmer reichten nicht aus, sie wurden in dem Maße geteilt, in dem die Mannschaft wuchs. Müller-Seidel bot sogar an, einen weiteren Schreibtisch in sein Zimmer zu stellen. Dabei galt, dass auch die nach Karl Richter und Walter Klaar eingestellten Kolleginnen und Kollegen nicht primär dafür zu sorgen hatten, die stetig und steil zunehmende Studentenzahl zu bewältigen, die in die Müller-Seidel-Seminare drängte. Der Meister – wie er zu Zeiten des frühen Jürgen Kolbe für die Oberseminaristen hieß – korrigierte Seminar- und Zulassungsarbeiten und auch die Staatsexamensklausuren selbst. Wir waren für die Bibliographien zu seinen Vorlesungen zuständig, lasen Korrektur bei dem einen oder anderen Aufsatz, hatten uns aber nicht um die Studierenden zu kümmern. „Wann bekomme ich IHRE Arbeit?“ bestimmte als wesentlichste Frage die dienstliche Kommunikation. Erst nach Abgabe bekam man einen Lehrauftrag und konnte sich dann ganz seinem Proseminar widmen.

Ein solches Verhalten war für Münchner Verhältnisse absolut ungewöhnlich, aber Herr Müller-Seidel verstieß auch gerne gegen andere Gewohnheiten: Er wollte bewusst weder Talar noch Amtskette tragen. Kostüme und Attribute, mit denen die Kollegen bei Fronleichnamprozessionen und Stiftungsfesten auftraten, waren seinem Selbstverständnis entbehrlich. Dem tausendjährigen Staub hatte er für sich in jeder Weise vorgebeugt.

Der Sorge um die zum Massenfach anwachsenden Germanistik bestimmte nicht nur die Personalpolitik, ihr galt auch sein programmatischer Leitartikel in der ersten Nummer der „Informationen der Seminare für Deutsche Philologie“, mit denen die Vorstände ab Sommersemester 1968 den beginnenden Unruhen begegneten. Der damals fünfzigjährige Müller-Seidel äußerte seine Überlegungen zu Hochschulpolitik in „bewusstem Kontrast zum leicht formulierten Protest“, er wollte sich „vor allem auf das Mögliche“ richten; die „Freund-Feind-Theorie überlassen wir weiterhin lieber Carl Schmitt“. Das war sein Angebot an die Studierenden. Der Titel, unter dem das stand, lautete fast frivol „Zur Sache“ – ein Jahr vorher war der Film „Zur Sache, Schätzchen“ ein Riesenerfolg.

Ein vergleichbares Erfolgs-Echo wurde seinem Ruf zur Sachlichkeit und der von ihm gelieferten Programmatik in den von ihm umfangreich und substantiellbelieferten „Instituts-Informationen“ nicht zuteil. Die Situation hatte sich entschieden geändert.

Jürgen Kolbe, auf den die mittlerweile zu „Chef“ gewandelte einstige Apostrophierungdes „Meisters“ zurückging, hatte bei Hanser die „Ansichten einer künftigen Germanistik“ erscheinen lassen, auf die im Sommer 1970, in Nr. 6 der „Informationen“, mehr oder weniger gereizt drei der Vorstände und 2 Assisten-ten von Professor Betz reagierten, sie wollten sich nicht getroffen fühlen und hielten das Fach in München für so weit fortgeschritten, dass Friedrich Sengle verkünden konnte, Emil Staigers und Benno von Wieses „Glanz“ sei hier schon längst erloschen.

Kolbes Doktorvater Müller-Seidel hatte nicht reagiert. Nicht dass er die theoretischen Scharmützel gemieden hätte, er reagierte eher konkret auf die gehäuften Veränderungen, die das Fach betrafen, schrieb Grundsatzerklärungen zur angefeindeten Institution der Vorlesungen und wiederholt zu einem Leitthema: der Didaktik. Neben die Entwicklung zum Massenfach betraf unser Fach damals die Integration der Pädagogischen Hochschulen, d.h. die der Fachwissenschaft aufgepfropfte Fachdidaktik.

Bevor dieses Thema aktuell wurde, stand die Frage der Hochschuldidaktik zur Debatte: Sehr früh wurden im Mitarbeiterkreis die Einrichtung obligatorischer Grund- oder Einführungskurse diskutiert. Es war erstaunlich, wie viel toleranter Herr Müller-Seidel damals die aus der Erfahrung mit fakultativen Tutorenkursen erwachsene Idee zu Erstsemester-Veranstaltungen verfolgte. Er stellte seine Zweifel gegen eine Verschulung des Faches zurück. Ausgangspunkt bildete die Einsicht, dass man die Studierenden nicht mehr Kaysers „Sprachlichem Kunstwerk“ überlassen dürfe, das uns in Anfangssemestern während der 50er Jahre als „Bibel der Germanisten“ empfohlen worden war. Sehr viele der oft wöchentlichen Abendtreffen im Cafe Stefanie – nicht dem legendären in der Amalien-, sondern einer Nachläufereinrichtung in der Schellingstraße – galten dem Kursaufbau und der Anlage: Sollen Motivations- oder Methodenfragen am Anfang stehen, soll man mit der Reflexion des Faches und seiner Geschichte oder mit der Klärung studentischer Voraussetzungen bei der Studienwahlbeginnen? Sollen alle drei Gattungen besprochen werden – welche Texte exemplarisch? Wie thematisiert man das Verhältnis von Analyse und Interpretation? Vor allem beherrschte eine Frage die Diskussion: Wie verbindlich kann man ein Modell für die Kollegen vorschreiben? Zum Modell des so genannten M-S-Teams ergaben sich Abweichungen bzw. Gegenmodelle: Später wurden in den Erläuterungen zu den Lehrveranstaltungen drei irritierend unterschiedliche Typen vorgestellt. Die Kurse von Ackermann, Gebhard, Link, Titzmann, Wünsch und von mir konnten unter einer Ankündigung segeln, die „der Chef“ wenn nicht guthieß, so doch tolerierte. Immerhin konnte sich das Modell bei einer überregionalen Tagung gut neben denen anderer Universitäten behaupten.

Entschiedenere und entsprechend deutlich kritisierte Gefahren einer gefürchteten Verschulung des Faches bedeutete für Müller-Seidel die für Lehramtsstudenten eingerichteten Fachdidaktik. Dazu einige Zitate aus der Nr. 10 der „Informationen“, um W.M., wie der Artikel gezeichnet ist,auch selbst zu Worte kommen zu lassen. Er setzt zwar mit Vorbehalten gegen ein verschultes Grundstudium ein, kommt dann aber bald zur Fachdidaktik: Im Anschluss an zwei kritische Studien resümiert Müller-Seidel: „So eindeutig ist demnach die ‚Sache’ nicht, über die oft so eindeutig gesprochen wird. Dennoch hat man in unseren Kultusministerien – und wie es scheint: definitiv – die Fachdidaktik als eigenes Fach und deutscher Tradition gemäß mit eigenen Lehrstühlen konzipiert.“ Einwände dagegen werden ausführlich zitiert und bestätigt – aber nur bedauernd kommentiert: „Diese Worte sind leider in den Wind gesagt. Die Weichen sind gestellt. Der Zug ist abgefahren, und die Konsequenzen zeichnen sich ab. Zum Beispiel in der Frage der Prüfung [...]. Die Verdoppelung der Prüfungsfächer kommt in der Tat. Und wie sie kommt! Man wird daher künftig vier Fächer studieren, wenn man bisher zwei studiert hat. [...] Dafür ist denn auch – und das bleibe als Trost! – die Studienzeit entsprechend verkürzt. Man soll es künftig mit diesen vier Fächern schon in sechs Semestern schaffen – nach einer Logik, möchte ich meinen, die noch zu definieren bleibt.“

Derartige Wendungen gegen bzw. an das Kulturministerium finden sich auch in anderen Beiträgen von W.M. – sie trugen ihm kein Wohlwollen der Behörde ein: „Das Seminar II [das waren Kuhn, Sengle, Fromm und M.-S.] mögen wir nicht!“, sagte mir ein Ministerialer einmal bei einer privaten Veranstaltung in Schwabing.

Die Studenten, um zu den eigentlichen Protagonisten des Jahres 1968 zu kommen, spürten natürlich die Vorbehalte, die W.M. gegen die von ihnen immer rüder attackierte Instanz des Ministeriums hatte: Dass bei ihm, im Gegensatz zu den Vorständen von Seminar I, ein gewisses Verständnis zu erwarten sei, und sie suchten wiederholt die Sprechstunden in Raum 410 auf. Für mich überraschend war vor einer Woche die spontane Auskunft eines Studienrats aus dem Nachbardorf, der einst zu Spartakus gehörte: Müller-Seidels Vorlesungen hätten sie nie gestört, die hätten sie zu gerne gehört, Störungen gingen allein auf das Konto der Roten Zellen. Es war auch erst in der Radikalisierungsphase, in der sich die verschiedenen Vertreter und Gruppierungen der Foyer-Aktivitas links überholten, dass Müller-Seidel und Kuhn als „scheißliberal“ diffamiert wurden. Immerhin gab damals selbst von der aktivsten Gruppe noch eine studentische Demutsgebärde gegenüber M-S: Nachdem sie die Vorbereitung zur Zwischenprüfung und damit auch diese selbstdadurch unmöglich machten, dass sie die zu ihrer Vorbereitung aufgestellten Apparat komplett abgeräumt hatten, lagnachdem anvisierten Prüfungstermin ein großer Sack in Müller-Seidels Garten: Wie zurückgepfiffen hatte man ihm die ausgeräumte Literatur vor die Füße gelegt – in viel sagender Geste die entwendeten Bücher zurückgegeben, quasi apportiert.

Dass die Spannungen zu ihm zunahmen, lag auch an den Gegensätzen innerhalb des ‚Lehrkörpers’ – zwischen Ordinarien und Assistenten, die der Aktivitas als Verlängerung allgemeiner Klassengegensätze erscheinen musste. Zwei Lehraufträge wurden nicht verlängert, einem habilitierten Kollegen die Prüfungsberechtigung für die Staatsexamina verweigert. Die Front der Vorstände stand und wurde pauschal verdammt: KAMPF DER POLITISCHEN DISZIPLINIERUNG lautete die Antwort auf die detailliert in den „Informationen“ begründeten Maßnahmen.

Den Flugblättern der von der Rotzeg – das war die Rote Zelle Germanistik – dominierten Fachschaft und ihr Organ „unireport“ stellten im Sommer 1969vier Kollegen aus dem Müller-Seidel-Team eine viel beachtete, mittlerweile legendär gewordene Satire „Jagdszenen aus der Schellingstraße“ entgegen und hielten für eine Atempause den Niveauverfall ebenso wie die Verstiegenheiten auf.

Damit habe ich für meinen Geschmack die Ebene der Anekdoten erreicht, deren Höhepunkte in die literarische Fiktion von Uwe Timms HEISSEM SOMMER und HIRN von Rainald Goetz eingegangen sind.

Soweit ich mich erinnere, beendete eine Karikatur, die Herrn Müller-Seidel mit einem Hakenkreuz in Verbindung brachte, seine Bereitschaft zu Antworten auf die Studenten. Sie hat ihn besonders betroffen.

Wie eine Art Testament erscheint mir auf diesem Hintergrund einer seiner letzten Kommentare zu meinem Eintrag im Germanistenlexikon, den ich ihm vorgelegt hatte: Er schätze alle sein Bücher nicht so hoch ein wie die Tatsache, dass er – anders als Jauss, Schwerte u.a. – den Nazis nicht auf den Leim gegangen sei. „Sie werden es nicht glauben, aber es ist so!“ schob er bestätigend nach, er wollte das jedoch nicht erwähnt wissen. Auch, dass vom SDS-Mitglied bis zum Jesuiten das Spektrum seiner Doktoranden und Oberseminarteilnehmer reichte, auf das er sich öfter berufen hatte und das mir wichtig erschien, war ihm keiner Erwähnung wert.

Ich danke für Ihr Zuhören und freue mich auf Ergänzungen.